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Oderberger Dreieck
 

Erinnerung an den Marthashof in Berlin – eine Einrichtung der Kaiserswerther Diakonie

Kaiserswerther Diakonissen arbeiteten Mitte des 19. Jahrhunderts in der Berliner Charité. Während ihrer Arbeit beobachteten sie das Schicksal junger unerfahrener, gutgläubiger Mädchen, die hofften, in der großen Stadt Berlin Arbeit und ihr Glück zu finden. In großer Zahl landeten die arglosen Mädchen bei den Diakonissen in der »Abteilung für Syphilitische weiblichen Geschlechts«. Die Berichte der Diakonissen an das Mutterhaus in Kaiserswerth veranlassten den Gründer der Kaiserswerther Anstalten, Pfarrer Theodor Fliedner (1800-1864), in Berlin eine Mägde einzurichten. Die sollte neu in Berlin ankommenden Mädchen, aber auch in Berlin lebenden »ehrbaren, evangelischen Mädchen, welche dienstlos geworden sind, eine christliche und Hülfe zur Erlangung eines Dienstes geben.«

Die Mägdeherberge zu Berlin (kolorierter Stich aus dem Fliedner-Archiv)

Die Mägdeherberge zu Berlin um 1859 (kolorierter Stich aus dem Fliedner-Archiv)

Auf dem Nickelshof, am »Verlorenen Weg« im Norden Berlins mietete Fliedner zwei kleine Gebäude und stattete sie mit zwölf Betten und wenigen Möbeln aus.

Nach einem langwierigen Genehmigungsverfahren zur Führung eines »Gesinde – Vermietungs – Comtoirs« konnte am 31. Oktober 1854 die bescheidene unter der Leitung von drei Diakonissen eröffnet werden. Kaum jemand gab dieser Zufluchtsstätte für Mädchen eine Chance. »Bei Regenwetter fuhr kein Droschkenkutscher für Geld und gute Worte« (zum »Verlorenen Weg« d.V.) Er musste gefasst sein, »dass sein Wagen im Kot stecken bleibt, wie dies ja trotz wackerer Pferde der Königin Elisabeth begegnet ist.« Straßenlaternen gab es noch lange nicht. Von »4 oder 5 Uhr an lag im Winter düstere Nacht über dem Verlorenen Weg«. Auf den Bahnhöfen Berlins und auf den Bahnstationen der nach der Hauptstadt führenden Linien wurden Bekanntmachungen über den Marthashof ausgehangen, welche die zuziehenden Mädchen zur Benutzung der einluden. Die Diakonissen gingen auf die Berliner Bahnhöfe und standen dort den ankommenden Mädchen mit Rat und Tat zur Verfügung. Bald darauf engagierten sich auch Damen der Berliner Gesellschaft für diese soziale Aufgabe.

Die entwickelte sich zu einer guten Adresse für junge Dienstmädchen.

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Im ersten Jahr ihres Bestehens war sie zeitweise für 160 dienstlos gewordene Mägde eine Unterkunft. Im Marthashof wurde streng auf Einfachheit der Kleidung geachtet: Kleider ohne Schleppe, Hüte ohne Schleier; Goldschmuck wurde nicht getragen. Die Unterschiede zwischen den Mädchen sollten so gering wie möglich sein. Die Diakonissen versuchten, für die Mädchen eine neue Anstellung zu finden, sie konnten sich in einem in der angelegten Sparbuch einen »Notgroschen« ansparen. Die Mägde wurden über den Marthashof geschützt. »Unsere dringende Bitte (an den Arbeitgeber d. V.) ging aber dahin, sie nach Gottes Ordnung am Sonntag von den anstehenden Arbeiten, wie Scheuern und Plätten, zu entbinden, ihnen die nötige Zeit zum Ausbessern ihrer Kleider an Werktagen zu verschaffen und zu veranlassen, ihre freie Sonntagszeit auf dem Marthashof zuzubringen«.

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Im 19. Jahresbericht für 1872-1873 wird berichtet: »Wie groß einerseits das Vertrauen zur Anstalt, andererseits der Mangel an passenden weiblichen Dienstboten ist, zeigt der Umstand, dass im letzten Jahr 2577 Herrschaften Mädchen aus dem Marthashof begehrten, während nur 539 Mädchen aus der Anstalt in einen Dienst zu Berliner Herrschaften gehen konnten.«

Die wurde richtungsgebend. Nach ihrem Vorbild entstanden weitere in der Stadt, so das Amalienhaus am Nollendorfplatz und das Mägdehaus am Zwirnsgraben.

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Die zwei angemieteten Häuser auf dem Nickelshof reichten bald nicht mehr aus. Um junge Mädchen als Kindermädchen zu befähigen, wurde auf dem Gelände eine »Kleinkinderschule« eröffnet. Diese Einrichtung wurde von der umliegenden Bevölkerung sehr gut angenommen. Nach vier Monaten wurden schon 69 Kinder in der Kleinkinderschule betreut.

Im November 1855 hatte Pfarrer Fliedner über eine Art Aktienpaket – Unterstützer waren Mitglieder der Berliner Gesellschaft, unter anderen das Preußische Königshaus – die Summe von 21.000 Talern zusammen. Damit kaufte er den gesamten Nickelshof. Die Mägde und die Ausbildungsmöglichkeiten für Dienstmädchen wuchsen weiter. Der 1857 eingerichtete Kindergarten erfreute sich ausdauernd regen Zuspruchs, er wurde von drei Diakonissen betrieben. Die Arbeit vollzog sich inzwischen in Verbindung mit dem Jugendamt der Stadt.

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Ein Antrag an die Städtische Schuldeputation vom 31.3.1858 sah vor, eine private Mädchen-Elementar-Schule im Mittelgebäude der Evangelischen Mägde- am Verlorenen Weg einzurichten. Die Schule wurde im Oktober 1859 eingeweiht, sie umfasste 8 Klassen.

Im Jahre 1862 erhielt die Einrichtung den Namen »Marthashof«, benannt nach der Martha aus der Bibel (LUKAS 10.38-42).

Der Verlorene Weg wurde in Schwedter Straße umbenannt, kurz danach wurde die Straße gepflastert.

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In den 80ger Jahren entstand ein neues Schulhaus mit sechs großen Elementarklassen nebst zwei großen Kleinkinderklassen. Groß mussten die Schulräume sein, denn ab 1869 wurde die Gegend um den Marthashof bebaut, die Bevölkerung stieg stark an. Pro Klasse wurden bis zu 50 Kinder unterrichtet in den Fächern Religion, Deutsch, Musik, Rechnen, Raumlehre, Geschichte, Naturkunde, Erdkunde, Schreiben, Zeichnen, Handarbeiten, Turnen (ab Ostern 1885) und Hauswirtschaft. Später kam noch Schwimmunterricht und die Sprachen Englisch und Französisch dazu. Als letzte neue Erweiterung wurde 1923 ein Hort eingerichtet, der den Diakonissen erschütternde Einblicke in das Berliner Wohnelend gab. Damit waren erstmals Jungen in der Einrichtung.

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Mit der staatlichen Anerkennung der Haushaltsschule 1925 erhielt der Marthashof eine weitere Wertschätzung. In der Küche der Haushaltsschule wurde täglich für 200 Portionen gekocht, einmal für Hort und Kindergarten und für die tägliche Armenspeisung.

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Die einfache Mägde hatte sich im Laufe der Jahre zu einer gefragten Bildungsstätte für junge Mädchen entwickelt.
Zu Ostern 1938 mußten die Kaiserswerther Diakonissen den Marthashof mit allen Einrichtungen und dem gesamten Inventar der Berliner Inneren Mission übergeben.
Der Name Marthashof wurde weiterhin erhalten. Das Schulgebäude wurde nun als Anlaufstelle für in Not geratene Menschen genutzt. Der Kindergarten wurde weiter betrieben. Mit weiteren Einrichtungen wie z.B. Beratungsstellen für Bombenopfer wurde zwar auch soziale Arbeit geleistet, aber der Sinn des ursprünglichen Marthashofes war verloren.

In den Nächten vom 22. und 23. November 1943 versank der Marthashof im Bombenhagel.

Text und Bildmaterial: Archiv Brunnhilde e. V. Berlin

icon Erinnerungen an den Marthashof
(PDF, 78 kB)

  Alter Plan Marthashof

Alter Plan Marthashof


© 2014 AIM - AnliegerInitiative Marthashof  ·  Link: http://www.marthashof.org/index.php5  ·  Stand: 17.09.2014 01:27 Uhr