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Die Zukunft des "halböffentlichen Parks"

Marthashof, Stofanel und kein Ende

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Oderberger Dreieck
 

Zeitzeugin 1943

Blick auf die Zionskirche, mit Trümmern im Vordergrund

Blick von der Griebenowstrasse auf die Zionskirche
nach der Bombennacht am 22./23.11.1943

icon Brief 1943 Marthashof

Ihr lieben Freunde vom Marthashof!

Nun erhaltet Ihr für lange Zeit, wahrscheinlich für immer den letzten Gruss aus dem Marthashof, schon nicht mehr aus, sondern über den Marthashof. Er ist in den Nächten vom 22. und 23.11. ein Raub der Bomben geworden.

Indem ich das schreibe, stehen die lieben alten Häuser in ihrer Tranlichkeit und bergenden Behäbigkeit vor meinem inneren Auge, vom kleinen, etwas schief gewachsenen Fliederbaum am Haus 4 an, der im Frühling eine einzige leuchtende lila Blüte war, über den weinlaubumzogenen Saalbau, in dem die lebendigbewegte Gemeinschaft der jüngeren Hausbewohnerinnen sich täglich zusammenfand, und dem Haus 5, dem Kopf und Herzen des Hauses, das so viele Entscheidungen über Menschenschicksale gehört und gesehen hat, hinein in den lieben alten Garten mit seinem Blumenschmuck und seinem Obst- und Gemüsereichtum, hin nach dem früheren Kinder- und Schulhaus, in dem unsere Alten ihren Lebensabend zu beschliessen hofften, ehe sie Anfang August aus Berlin evakuiert wurden. 0 wie gut, dass wir sie so glücklich, so rechtzeitig in unseren Anstalten in der Provinz unterbringen konnten! Wie hätten wir sie durch diese zwei Schreckensnächte hindurchbringen sollen!

Es ist mir schwer, dass ich, eine letzte Ferienwoche an der Mosel verbringend, die grausam-grausigen Nächte nicht bei der Hausgemeinschaft war und das Erlebnis in all seiner Schrecklichkeit nicht mit ihnen teilen kann. Als ich am Mittage nach der zweiten Nacht am Marthashof eintraf, stand ich vor rauchenden Trümmern und erfuhr auf Umwegen, dass das Diakonissenhaus Salem in Lichtenrade meine armen Obdachlosen aufgenommen hatte. Wie oft und wie von allen Seiten habe ich seitdem den Ablauf dieser beiden Tage und Nächte geschildert erhalten! Allen Beteiligten spürte man den Drang an, sich zu entladen von all dem, was ihnen so unauslöschlich fürchterlich eingeprägt ist. In der ersten Nacht zerstörten Phosphorbomben die ältesten der Häuser: Haus 4, in dem Theodor Fliedner und seine Nachfolger durch fast neun Jahrzehnte bei ihrem Aufenthalt in Berlin gewohnt, Haus 5, das Wohn- und Bürohaus der Schwestern und Fürsorgerinnen, und Haus 6, das kleine Wohnhaus an der Strasse, Gleichzeitig traf eine Sprengbombe den Saalbau, unter welchem der grösste Teil der Hausgemeinschaft im Keller sass, und nur das sehr stark gebaute Tonnengewölbe hat wohl verhütet, dass der Keller ganz verschüttet wurde. Acht unserer Berufstätigen, darunter mehrere noch ganz junge, wurden unter den stürzenden Steinen begraben. Sehr bald zwar kam männliche Hilfe, die die Trümmer wegräumte, dennoch konnten sie nur als Leichen geborgen werden. Unter einem Hagel von Brandbomben suchten die Flüchtenden im Garten und Splittergraben Schutz. Auch die noch stehenden Häuser waren so zerstört, dass sie nicht mehr bewohnbar waren. Sie sind in der folgenden Nacht, als ein Flammensturm grosse Häuserteile der Schwedter- und der benachbarten Strassen zerstörte, völlig ausgebrannt.

(Fortsetzung rechte Spalte)

 

(Fortsetzung)

Wir haben vom Mobiliar nichts retten können, nur einige wenige Kleinigkeiten und ein weniges der Hauswäsche aus der unter Wasser gesetzten Rollstube.

Im Diakonissenhaus Salem hat man uns liebreich auf genommen. Die grössere Hälfte unserer Schützlinge hat bei Verwandten und Bekannten Obdach gefunden, 22 Pfleglinge konnten wir an unser Schwesternheim in der Frankfurter Allee abgeben, weitere 22 konnten hier in Salem in unserer Obhut bleiben. Wir dürfen hoffen, dass wir in den Salemshäusern so lange bleiben können, bis die bisher noch ganz verhüllte Zukunft uns vielleicht gestattet, irgendwo in Berlin oder vor seinen Toren die Arbeit wieder aufzunehmen. Jedenfalls hoffe ich bisher noch, die Betriebsgemeinschaft zusammenhalten zu können zu der durchaus notwendigen Arbeit, für alleinstehende, in den Dingen des Lebens hilflose berufstätige Frauen, besonders für geführdete und heimatlose junge Mädchen eine evengelisch-kirchliche Heimat zu schaffen.

Die Nächte der vorigen Woche haben das Gefüge der Riesenstadt wie ein schweres Erdbeben erschüttert. Wir hofften in Lichtenrade, weit im Süden Berlins, einigermassen sicher zu sein, zumal hier keine Fabriken sind. In der letztvergangenen Nacht, in der die Feindflieger von Berlin abgedrängt wurden, haben sie unsere allernächste Umgebung mit Bomben aller Art überschüttet und brennende Häuser ringsum zurückgelassen. In allen Salemshäusern werden heute Splitter beseitigt und mit Pappe gedichtet.

Herzlich grüsst Euch alle, die Ihr den Marthashof lieb hattet,

Eure

gez. Carmen Beyreis

icon Brief 1943 Marthashof


© 2020 AIM - AnliegerInitiative Marthashof  ·  Link: http://www.marthashof.org/index.php5  ·  Stand: 23.10.2020 09:47 Uhr